Über innere Übergänge, Überforderung und das Gefühl von Ohnmacht
Wenn das Leben funktioniert – aber nicht mehr trägt
Es gibt Phasen im Leben, da läuft alles weiter – und fühlt sich trotzdem nicht mehr richtig an. Der Alltag funktioniert. Verantwortung wird getragen. Termine werden erledigt. Und dennoch entsteht innerlich eine Schwere, eine Leere oder ein leises Unbehagen, das sich nicht klar benennen lässt.
Es ist nicht dramatisch genug, um alles infrage zu stellen.
Aber auch nicht stimmig genug, um zu bleiben, wie es ist.
Nicht mehr richtig falsch.
Aber auch noch nicht richtig gut.
Viele Frauen und Männer erleben genau diesen Zustand – oft über einen langen Zeitraum hinweg. Nicht als offensichtliche Krise, sondern als inneren Übergang, der schwer greifbar ist und gleichzeitig viel Kraft bindet.
Wenn Funktionieren nicht mehr trägt
Überforderung zeigt sich nicht immer laut.
Manchmal kommt sie still, fast unauffällig.
Als Müdigkeit, die sich nicht mehr ausschlafen lässt.
Als innere Unruhe, obwohl äußerlich Ruhe da wäre.
Als Gereiztheit oder Rückzug, ohne klaren Auslöser.
Viele Menschen in dieser Phase sagen:
„Eigentlich habe ich keinen Grund zu klagen.“
„Es läuft doch.“
„Andere haben es schwerer.“
Doch innere Stimmigkeit lässt sich nicht herdenken.
Und Dankbarkeit ersetzt keine Entlastung.
Oft sind es genau die Menschen, die lange getragen, gehalten und funktioniert haben, die an diesen Punkt kommen. Nicht, weil sie schwach sind – sondern weil ihr inneres System zu lange ohne echte Erholung war.
Überforderung sind keine Denkaufgabe
Wenn nichts mehr eindeutig ist, beginnt der Kopf meist nach Lösungen zu suchen. Nach Erklärungen. Nach Entscheidungen. Nach dem nächsten richtigen Schritt.
Doch Übergänge lassen sich nicht logisch auflösen.
Sie sind keine Denkprozesse – sie sind körperliche Zustände.
Das Nervensystem spürt oft früher als der Verstand, dass etwas nicht mehr passt. Solange der Körper unter Spannung steht, bleibt auch das Denken eng.
Man weiß, dass sich etwas ändern müsste – aber nicht was, wie oder wohin.
Das erzeugt Ohnmacht. Nicht als Scheitern, sondern als Zeichen dafür, dass alte Strategien nicht mehr greifen.
Wenn der Körper früher weiß als der Kopf
In solchen Phasen hilft selten ein weiterer Impuls von außen.
Was gebraucht wird, ist kein „Mehr“, sondern ein Zurück.
Zur Wahrnehmung.
Zum Atem.
Zum eigenen Tempo.
Hier beginnt die eigentliche Veränderung nicht im Gespräch, sondern im Erleben. Nicht im Analysieren, sondern im Spüren.
Warum Pferdearbeit in Übergangsphasen so wirksam ist
In der Arbeit mit dem Pferd wird dieser innere Zustand unmittelbar sichtbar.
Nicht, weil das Pferd etwas bewertet – sondern weil es auf das reagiert, was tatsächlich präsent ist.
Pferde reagieren nicht auf Worte, Rollen oder Erklärungen.
Sie reagieren auf Körperspannung, Atem, innere Haltung und Klarheit.
Viele Menschen erleben hier etwas, das sie lange nicht kannten:
Sie können nicht mehr funktionieren – und müssen es auch nicht.
Wenn innere Anspannung da ist, zeigt sich das im Kontakt.
Wenn jemand sich sammelt und ruhiger wird, verändert sich die Begegnung.
Nicht durch Technik, sondern durch Präsenz.
Das Pferd fordert keine Veränderung.
Es lädt ein, wieder in Beziehung zu gehen – mit sich selbst.
Für viele entsteht hier ein erstes echtes Aha:
Nicht, weil etwas „gelöst“ wurde, sondern weil der Körper zum ersten Mal wieder Ordnung erlebt.
Wenn Entwicklung leise beginnt
Übergänge verlaufen selten spektakulär.
Sie zeigen sich in kleinen Veränderungen:
Ein tieferer Atemzug.
Ein ruhigerer Blick.
Ein Moment, in dem nichts getan werden muss.
Diese Zeichen sind kein Zufall.
Sie zeigen, dass das innere System beginnt, sich selbst zu regulieren.
Entwicklung entsteht hier nicht durch Druck oder Zielvorgaben,
sondern durch Sicherheit, Rhythmus und Wiederholung.
Wenn das Leben wieder getragen werden darf
Viele Menschen kommen aus solchen Übergängen nicht „besser“ heraus,
sondern ehrlicher.
Weniger angepasst.
Weniger funktional.
Dafür stimmiger.
Nicht, weil alle Antworten gefunden wurden, sondern weil sie sich selbst wieder nähergekommen sind.
Diese Phase ist kein Fehler im Lebenslauf.
Sie ist oft der Beginn von etwas Tragfähigerem.
Und manchmal beginnt genau dort ein Weg, der nicht mehr nur funktioniert –
sondern sich wieder richtig anfühlt.


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